Geschichte des SBB -Teil IV: Die Jahre 1945-1989

Die Zeit, als der SBB nicht bestand

1945 war es ein Anliegen der alliierten Siegermächte, das Weiterleben oder Wiedererstehen nationalsozialistischer Organisationen zu verhindern. Neue, antifaschistische und demokratische Wege sollten beschritten werden. In den ersten Nachkriegsmonaten bestanden allerdings nur geringe Vorstellungen, wie das „Neue“ aussehen sollte.

Die Situation in Sachsen war insbesondere davon gekennzeichnet, dass das Gemeinschaftsleben der Bergsteiger in vielen kleinen Klubs stattfand, die innerhalb und auch außerhalb von Verbänden existierten. So war es verständlich, dass man sich in Dresden frühzeitig Gedanken über den Aufbau einer einheitlichen Touristenbewegung für alle Wanderer und Bergsteiger machte.

Bereits am 7. Juli 1945 fand eine „Kundgebung der antifaschistischen Bergsteiger“ mit ca. 800 Teilnehmern aus den verschiedenen ehemaligen Organisationen statt. In einer Proklamation hieß es: „Übereinstimmend kommt zum Ausdruck, daß es in Zukunft nur eine einheitliche Touristenorganisation geben, und daß die Einheitsorganisation nur unter Führung der Arbeiterklasse stehen kann, wobei die Traditionen der Arbeiterbergsteiger- und Wanderbewegung, aber auch die fortschrittlichen bürgerlich-demokratischen Traditionen des Bergsteigens und Wanderns Grundlage sein werden.“

Gegen den Gedanken der Einheit standen diejenigen, die die bisherigen Organisationen am Leben erhalten, und diejenigen, die lediglich ungestört wandern und klettern wollten.

Die Entscheidung über eine neuartige bergsportliche Organisation hing nicht allein von den Dresdner Wanderern und Bergsteigern ab. Entscheidend waren die Weisungen der Besatzungsmacht.

Am 17. Dezember 1945 veröffentlichte in Berlin der Alliierte Kontrollrat die Direktive Nummer 23 Beschränkung und Entmilitarisierung des Sportwesens in Deutschland, die für alle vier Besatzungszonen gültig war. Darin hieß es: „1. Allen vor der Kapitulation in Deutschland bestehenden sportlichen, militärischen oder paramilitärischen athletischen Organisationen (Klubs, Vereinigungen, Anstalten und anderen Organisationen) wird jede Betätigung untersagt, und sie sind bis zum 1. Januar 1946 spätestens aufzulösen. […] 4.a) Das Bestehen nichtmilitärischer Sportorganisationen örtlichen Charakters auf deutschem Gebiet ist gestattet. […] c) Jede neugegründete sportliche Organisation örtlichen Charakters bedarf der Genehmigung der örtlichen Alliierten Besatzungsbehörde, und ihre Tätigkeit untersteht der Aufsicht dieser Behörde.“ (Amtsblatt 1945)

Die Direktive bedeutete das direkte Verbot des Deutschen Alpenvereins (DAV) und aller ihm angehörenden Zweige/Sektionen in allen Besatzungszonen (35 Sachsen, 21 Thüringen, 12 Berlin/Brandenburg, 8 Sachsen-Anhalt, 3 Mecklenburg-Vorpommern).

Insbesondere in Dresden, dem Zentrum der sächsischen Bergsteiger, erfolgte zwischen 1945 und 1948 eine Vielzahl Bemühungen und Versuche, um bestehende Klubgemeinschaften weiterzuführen und neue Organisationen zu schaffen, um insbesondere all das zu erhalten und zu bewahren, was man positiv unter „Sächsischem Bergsteigen“ verstand.

Im August 1948 wurde in einem Aufruf die Bildung eines Deutschen Sportausschusses (DS) für die SBZ verkündet. Damit war von der politischen Führung der SBZ in Abstimmung mit der Besatzungsmacht eine dem sowjetischen Beispiel folgende neue Organisationsform des Volkssportes als Richtschnur festgelegt worden.

Im Herbst 1948 erhielten alle ehemaligen Sportvereine, Naturfreundegruppen, Gebirgsvereine, Heimatschutzvereine, Alpenvereinssektionen, die sich landesweit um ihr Weiterbestehen bemüht hatten, endgültige abschlägige Bescheide betreffs der Bildung eigenständiger Organisationen.

Möglich war nur noch die Eingliederung beim „Deutschen Sportausschuss“ oder beim „Kulturbund“ oder die Vereinsauflösung – oder das „illegale“ Weiterbestehen.

Im Interesse ihrer Arbeit, ihrer Mitglieder und ihrer historischen Entwicklung gingen viele den Weg der Eingliederung. Eine Anzahl älterer bekannter Bergsteiger und Naturfreunde, die sich bisher beteiligt hatten, zog sich enttäuscht zurück.

Für die Dresdner Wanderer und Bergsteiger, darunter viele ehemalige Alpenvereinsmitglieder, die drei Jahre Aufbauarbeit in der Stadt und den Bergen geleistet hatten, war die Entwicklung im Herbst 1948 erneut ein tiefgehender Einschnitt. Die Arbeitsgruppen und Kommissionen, auch die Einbindung von über 60 Kletterklubs in die „Einheitstouristenbewegung“ (ETB), musste nun zwangsläufig eingestellt oder umorganisiert werden.

Der mit der Bildung des DS verkündete umfassende Aufschwung in den Sportgemeinschaften (SG) und Betriebssportgemeinschaften (BSG) trat für die Wanderer und Bergsteiger nicht ein. Im Gegenteil. Durch die Bildung der Fachausschüsse Touristik auf Stadt-, Kreis- und Landesebene wurden neue Leitungsebenen geschaffen, zu deren Besetzung ein Streit um geeignete „politisch zuverlässige“ Funktionäre entstand.

Durch fortwährende Umstrukturierungen, Querelen und ungeklärte Probleme verringerte sich die Mitgliederzahl in Dresden und Umgebung von fast 3.000 eingetragenen Wanderern und Bergsteigern bis zum Dezember 1949 auf nur noch 1.349 Mitglieder in 24 Gruppen.

Der Touristik wurde ungenügende Unterstützung zuteil. Ein Vertreter des Sportausschusses Dresden erklärte im Mai 1949 in diesem Zusammenhang, dass „die Wanderer und Bergsteiger nicht den Erfordernissen im Sport entsprächen“. In den Zusammenkünften wurde zunehmend Toleranz und Vielfalt der Meinungen von der Durchsetzung einer radikalen Parteilinie unter Führung von „bewährten“ Mitgliedern der SED verdrängt.

Der 1952 am Klettergipfel Schwager erreichte Schwierigkeitsgrad VIIIc (UIAA VII+) wurde im Frankenjura und in der Pfalz erst etwa 1975/76 gestiegen. Den gewaltigen klettersportlichen Aufschwung des Nachkriegsjahrzehnts kennzeichnete auch, dass die Anzahl der Bergsteiger, die Kletteraufstiege im obersten Schwierigkeitsgrad VII ausführen konnten, auf über einhundert gestiegen war. Mehr als in der Vergangenheit wurden Frauen zu verlässlichen Seilpartnern auch bei der Durchsteigung schwieriger Kletterwege.

Im Unterschied zu anderen Sportarten wurde für die Wanderer und Bergsteiger der DDR erst im Juni 1952 in Leipzig von 25 Delegierten aus den fünf Ländern der DDR und Berlin, die ca. 6.000 Mitglieder (Sachsen 3.750) vertraten, mit dem „Präsidium der Sektion Touristik“ ein zentrales Leitungsgremium geschaffen. In der Diskussion führte Harry Dürichen, ehemaliger Spitzenkletterer, u.a. aus: „Man kann das Clubunwesen nicht durch Verbote verhindern, dann geht es illegal weiter. In den BSG muß man die Sammelpunkte der Bergsteiger entwickeln. Die Frage der ideologischen Umerziehung der Dresdner Bergsteiger ist eine sehr schwere Aufgabe, weil sie durch die ideologische und reaktionäre Tradition der ehemaligen bürgerlichen Bergsteigerorganisationen vergiftet sind.“

Im Juni 1958 fand in Dresden eine Tagung mit 58 Delegierten und 17 Gästen aus allen Bezirken der DDR statt, bei der sich die Sektion Touristik der DDR in den „Deutschen Wanderer- und Bergsteigerverband“ (DWBV) umbildete. Ihm gehörten etwa 18.000 Mitglieder in 380 Betriebs/Sportgemeinschafts-Sektionen an. Die Möglichkeiten der touristischen Betätigung hatten sich beträchtlich verbessert. Hunderte Bergsteiger und Wanderer waren in Arbeitsgruppen und Kommissionen aktiv, so beim Wege- und Zugangsstiegenbau (BSG Empor Dresden-Löbtau), bei der Überprüfung neuer Anstiege für den Kletterführer, im Bergrettungswesen, bei der Betreuung und Erneuerung von Ringen, Abseilösen und Gipfelbüchern, bei der Ausbildung von Wanderleitern, bei der Organisierung von Vorträgen und Veranstaltungen sowie beim Aufbau einer zielgerichteten Kinder- und Jugendarbeit. Manche Probleme wurden viel diskutiert, zeitweilig verbessert, aber nicht dauerhaft gelöst. Das betraf das Unterkunftswesen, die Kletter-Ausrüstung, Auslandsbergfahrten, Bergliteratur und Fachzeitschriften.

Insbesondere in der Sektion Wandern und Bergsteigen der BSG Empor Dresden-Löbtau mit seinen Klubs und Seilschaften sowie im Stadtfachausschuss Dresden wurden viele Arbeitsinhalte des ehemaligen Sächsischen Bergsteigerbundes bewahrt und erfolgreich weitergeführt.

Nachdem sich aus verschiedenen touristischen Wettkämpfen international die Sportart Orientierungslauf (OL) herausgebildet hatte und in der DDR die III. OL-Weltmeisterschaften vorbereitet wurden, beschloss der IV. Verbandstag des DWBV im April 1970 in Dresden seine Umbenennung in „Deutscher Verband für Wandern, Bergsteigen und Orientierungslauf der DDR“ (DWBO). In 460 BSG/SG-Sektionen „Wandern und Bergsteigen“ gehörten ihm über 27.000 Mitglieder, davon etwa ein Drittel Bergsteiger, an.

Während der achtziger Jahre wurde einerseits eine vielfältige Arbeit geleistet: Organisierung großer DWBO-Treffen, Wanderveranstaltungen und traditionelle Bergsteigerchor-Konzerte, Forcierung der Übungsleiterausbildung und der Kinder- und Jugendarbeit, Ausbau des „Wettkletterns“, Schaffung neuer Kletterführerwerke. Andererseits gelang es den Leitungen des DWBO immer weniger, eine Vielzahl von Entwicklungsproblemen zu lösen. Dies betraf Probleme des Reiseverkehrs, der Sportartenentwicklung, des Naturschutzes, der Übernachtungsmöglichkeiten, Material- und Ausrüstungsfragen sowie die zunehmenden Antragstellungen zur Ausreise aus der DDR. Unabhängig davon ist das Engagement der vielen Ehrenamtlichen zu würdigen. Die Einbindung ihrer Arbeit in das Gesellschaftssystem ließ oft keine befriedigenden Lösungen zu. Persönliche Initiativen wurden oft mit Argwohn betrachtet oder unterbunden.

Eine neue Generation leistungsfähiger sächsischer Spitzenkletterer und böhmische Kletterer erreichte in den achtziger Jahren das Leistungsniveau von Bernd Arnold und forderte nachhaltig Regelveränderungen. Immer wieder fanden in den Bergsteiger-Fachblättern und bergsportlichen Organisationen – nun in neuer Schärfe – Diskussionen dazu statt. Einerseits ging es darum, den Kletterregeln Akzeptanz zu sichern, und andererseits, sie vor Erstarrung zu bewahren. Die sportliche Qualität eines fairen, hilfsmittellosen Bergsteigens hatte dank solcher alpiner Persönlichkeiten wie Dr. Rudolf Fehrmann, Fritz Wiessner, Dietrich Hasse und Bernd Arnold weltweite Aufmerksamkeit und Anerkennung gefunden. Die widersprüchliche Entwicklung in den achtziger Jahren zeigte deutlich, dass der Gestaltungswille der Staatsorgane und Parteileitungen in der DDR auf Wandern und Bergsteigen nur begrenzten Einfluss hatte und dort an seine Grenzen stieß, wo es möglich war, sich informell und selbstständig zu organisieren und damit der eigenen Passion zu frönen. „Wer das sozialistische System der DDR bewusst erlebt hat und sich nicht mit ihm identifizieren konnte, brauchte Hilfe, um sich nicht selbst zu verlieren. So wurde der Klettersport für viele sächsische Bergsteiger eine Balancierstange, die in der Tat manchen vor dem Absturz seines inneren Menschen bewahrt hat.“ (Richter 1993)

 

Der DWBO stellte im Mai 1990 seine Tätigkeit ein. Der Touristenverein „Die Naturfreunde“ sowie Alpenvereinssektionen wie der Sächsische Bergsteigerbund, die Akademische Sektion Dresden, die Sektionen Dresden, Plauen, Leipzig, Chemnitz und viele andere entstanden neu. Allen Angriffen auf das sächsische Klettern antwortete der amerikanischen Spitzenkletterer Henry Barber: „Wir waren absolut überwältigt. Von der Schönheit der Felslandschaft, von der Tradition, vom Stil und der Ethik der Kletterei, der Schwierigkeit der Routen und von der Einstellung der Menschen, die dort unterwegs waren: Das alles machte das Elbsandsteingebirge für mich zum besten Klettergebiet der Welt. Die sächsischen Kletterer sollten stolz darauf sein, dass sich bei ihnen die Ursprünglichkeit des Kletterns erhalten hat, […] und dass sie sich mit aller Kraft dafür einsetzen, dass das Elbsandsteinklettern mit all seinen Besonderheiten auch zukünftig erlebt werden kann.“

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