Eiger extrem – Das Rennen um die Nordwand Direttissima

Sind wir alle nicht manchmal gern sensationslüsterne Zuschauer schier menschenunmöglicher Leistungen? Sicher. Lässt sich manches Spektakel nicht aus Richtung warmer Ofenbank am besten beobachten und „sachkundig“ kommentieren? Lassen sich von dort nicht auch die meist nur gut gemeinten Ratschläge, wie es denn wohl hätte anders besser gemacht werden sollen, erteilen? Wohl auch. Schauen wir uns manchmal nicht unvergnügt fremdes Leid an? Leider nicht nur im Krimi am Sonntagabend sondern oft auch in der Wirklichkeit. Und das ist schlimm, das ist fatal. Doch leider nicht erst seit heute, wo quasi jedes Ereignis sofort in die Welt hinaus posaunt werden kann, und es ist wohl ein menschlicher Reflex, eigenes Dasein erträglicher zu finden, wenn man sieht, es geht anderen schlechter.

Aber auch vor unserer super medialen Zeit, vor langen fünfzig Jahren hingen die Zuschauer an den Röhrenfernsehern, die Zuhörer an den Rundfunkgeräten und die Leser an den Zeilen der Presse um am Schicksal der Helden an der Winter-Eiger-Nordwand-Direttissima-Erstbesteigung teilzuhaben. Anschließend wurde das Ereignis in Büchern abgehandelt und auch die Filmbranche machte ihren Profit damit. Eigentlich ist zum Rennen um die Nordwand Direttissima doch schon alles gesagt. Eigentlich? Wohl nicht, wenn jetzt nach genau fünfzig Jahren ein Buch vorgelegt wird, in dem die Autoren zum ersten Mal die Sichtweisen beider Bergsteigerteams – ein deutsches Team und ein amerikanisches unter Führung von John Harlin – nach Interviews mit noch lebenden Teilnehmern und deren Familien darstellen. Laut Klappentext wurden die Leistung der Erstbegeher der John-Harlin-Route bis heute „unterbewertet und falsch dargestellt“. Begeben wir uns also mit auf die Spurensuche und hierfür benötigt man auch einiges Durchhaltevermögen. Es ist wie im Hochgebirge, vor manchem Einstieg in eine schöne Bergtour muss man sich zunächst schier endlose Geröllfelder hochquälen, um an den Einstieg zu gelangen. Die Autoren sind Peter und Leni Gillman mit Jochen Hemmleb als sachkundiger Übersetzer. Peter Gillman war zum Zeitpunkt des Geschehens vor fünfzig Jahren im Auftrag der britischen Zeitschrift „Daily Telegraph“ vor Ort am Eiger und hat das Drama der Besteigung hautnah an der Seite des anglo-amerikanischen Teams miterlebt und anschließend publiziert. Im Anschluss der dramatischen Besteigung gab es seinerzeit zwei literarische Darstellungen, einerseits eine englischsprachige „Eiger Direct“ von Gillman/Haston sowie andererseits eine deutschsprachige „Eiger – Kampf um die Direttissima“ von Lene/Haag (dieses Buch – siehe kleines Bild – ist unter E0068 Bestandteil der Bibliothek). Beide wurden jedoch nicht in die jeweils andere Sprache übersetzt, wodurch es bis zum Erscheinen des rezensierten Buches auch immer zwei Lesarten der Ereignisse gab. Peter Gillman macht es sich nun zur Aufgabe, beide Seiten der Medaille zu beleuchten. Und dazu holt er zunächst sehr weit aus. In der ersten Hälfte des Buches untersucht und beschreibt er alle seinerzeit möglichen Kandidaten des Harlin-Teams und auch des deutschen Teams bis hin zu deren familiären Verhältnissen. Das ist natürlich ein Fundus über die damaligen Spitzenalpinisten, die auch heute noch ihren Klang in der Alpingeschichte haben. Wer jedoch schnell zum Ziel kommen will, für den ist es manchmal ein mühsames Geröllfeld. Aber auch das gehört zum Aufstieg am Berg. Doch nachdem es dann losgeht, wir die Handlung zum Thriller und das ist die Widergabe einer fünfwöchigen Dramaturgie am Berg mit dem Kampf gegen Naturgewalten, unzureichender Ausrüstung, erlittenen Rückschlägen und Verletzungen, knapp werdenden Essen. Davon hat der Eiger ja die besten Möglichkeiten als Schauplatz einer Kulisse von einem bequemen Hotel im Tale für die Bericht erstattenden Journalisten. Wenn der Eiger irgendwo fernab der Zivilisation im Niemandsland stehen würde, wäre das mediale Interesse seinerzeit und sicher auch heute noch gleich null. Dann wäre eine Winter-Direttissima am Eiger im Irgendwo auch heute noch kein Thema, weil sich kein Sponsor finden würde, darüber live zu berichten. Doch wir können uns glücklich schätzen, das Ereignis nacherleben zu dürfen, weil verrückte Haudegen seinerzeit den Mut hatten, das Wagnis einzugehen. Aber ohne Verrückte würden wir heute noch als Jäger und Sammler durch den Busch ziehen. Warum jedoch die Harlin-Route bisher unterbewertet und falsch dargestellt wurde, soll jeder Leser selbst herausfinden. Dazu sei hier nichts verraten, wenngleich es sich dem Rezensenten auch nicht erschließen will, waren doch beide Teams klettertechnisch gleichwertig und wenn die Deutschen ein Übergewicht an Manpower hatten waren die Anglo-Briten durch Sponsoring im Vorteil und jedes Team wäre in der Lage gewesen, entscheidende Passagen zu klettern und nur weil die Umstände es ergaben, war sowohl einmal das eine wie auch das andere Team am Zuge. Durch den aus der Not heraus geborenen Zusammenschluss beider Teams in der Endphase der Begehung relativiert sich eine Wertung ohnehin.

Kurz und gut, ein sehr lesenswertes Buch!

Falk Große

Informationen zum Buch

Autor/Autorin:
Peter & Leni Gillman mit Jochen Hemmleb
ISBN
978-3-906055-43-5
Signatur in der Bibo
E0053