Pyrenäen

Wer fährt demnächst in die Pyrenäen oder war kürzlich dort? Dem sei die 14 (vierzehn!) bändige Publikation von Wolfgang Schaub ans Herz gelegt und an seiner Urlaubsvor- oder -aufarbeitung wird es an nichts fehlen. Vierzehn dicke, gewichtige Bände geben einen umfassenden Überblick, nein sie geben einen kompletten Tiefblick in diese Grenzgebirge zwischen Frankreich und Spanien, einen Blick in die Geschichte vergangener Jahrhunderte bis heute. Und da wird nicht nur erzählt und beschrieben, nein, es werden historische Dokumente in Originalfassung gescannt, kopiert, gedruckt und in der jeweiligen Landessprache in den Büchern veröffentlicht. Sprachkundigen wird es ein Vergnügen sein, die Originaldokumente zu lesen. Ich als Sprachmuffel sehe nur neidisch zu. Abdrucke von Originaldokumenten nehmen einen guten Teil der Publikation ein, doch sie sind jedoch nur ein Teil der Dokumentation.
Gewandert, d. h. wirklich zu Fuß gegangen ist Wolfgang Schaub als 70-jähriger die rund 850 km lange und 48.000 Höhenmeter umfassende Strecke nicht wirklich. Abgesehen von wenigen Etappen ist er die Stecke virtuell durchs Internet gewandert. Was er jedoch mitgebracht hat ist gute Anregung für alle, die diese Wanderung oder Teile davon planen oder gewanderte Erlebnisse aufarbeiten wollen. Was natürlich nicht dabei ist sind die Erfahrung von Entbehrungen und der Schweiß einer wirklichen Wanderung. Doch darauf soll‘s nicht ankommen.

Der umfassende Inhalt ist in drei Teile gegliedert:
Teil 1, Band 1 bis 3           Zwei Nationen, eine Grenze – Identität und Abgrenzung in den Pyrenäen
Teil 2, Band 4 bis 10        Die Wanderung – Grenzsteine sammeln
Teil 3, Band 11 bis 14      Anhänge

Teil 1:
In diesem Teil ist „eine virtuelle Wanderung entlang der französisch-spanischen Grenze in den Pyrenäen“ im Laufe der Geschichte beschrieben. Der Ausgangspunkt bildet etwa die Mitte des 17ten Jahrhundert mit dem Pyrenäenvertrag zwischen Frankreich und Spanien, wenngleich die Vorgeschichte bis dahin auch gestreift wird. Der komplizierte Verhandlungsverlauf bis zur Unterzeichnung des „Pyrenäenvertrages“ – Friedensvertrag zwischen Frankreich und Spanien vom 7. November 1659 – der die Pyrenäen als die „Trennung der zwei Königreiche“ beinhaltet, wird ausführlich beschrieben. Die Pyrenäengrenze ist somit eine der ältesten und stabilsten Grenzen in Westeuropa. Damit ist sie etwa vergleichbar mit der historischen Grenze zwischen Böhmen und Deutschland bzw. der deutschen Fürstentümer, die ihrerseits auch seit Jahrhunderten unverändert besteht. In der Praxis belässt der Pyrenäenvertrag den Gemeinden im Grenzgebiet ihre Gewohnheitsrechte für Nutzungs- und Weiderechte auf dem Gebiet des Nachbarlandes. Somit vermeidet dieser Passus vorausschauend derartig mögliche Grenzkonflikte.

Aber ein Vertrag zwischen zwei Staaten ist kein Naturgesetz und so dauerte es auch nicht lange, bis vertraglich nicht geklärte Differenzen zu militärischer Auseinandersetzung führten. Diese werden von Wolfgang Schaub ausführlich beschrieben. Doch nicht nur das, es werden auch Themen von Kirche und Wirtschaft, von Widerstand und Identität sowie Gesellschaft, Klasse und Nation im Bereich der Grenze in der Zeit vor der Französischen Revolution (Ancien Régime) dargestellt. Weitere Kapitel behandeln die Französische Revolution und deren Folgen für die Grenzregion, Territorium und Identität währen den Spanischen Krisen 1808 – 1840, Verträge von Bayonne und die Abmarkung der Grenze, Identität und Gegenidentität, Frankreich und Spanien als Staaten und Nationen nach 1868.
Uns liegt hier also ein Geschichtslehrbuch par excellence vor!

Teil 2
In diesen 7 Bänden „wandern“ wir mit Wolfgang Schaub entlang der Grenze vom Grenzstein 1 bis 602. Wir wandern aber nicht schnurgerade von Grenzstein zu Grenzstein sondern es sind insgesamt 67 Rundwanderungen wo wir alle Grenzsteine und die Geschichte, Kultur und Natur entlang der Wege kennen lernen. Doch ist dies keine Wanderführer im herkömmlichen Sinne, wenngleich auch Hinweise zu Unterkunft, Verpflegung und zum Pyrenäen-Wanderweg GR 10 vom Atlantik zum Mittelmeer gegeben werden, eine gute Landkarte sollte im Rucksack sein und auch die beschriebenen Wanderrouten sollten vorher kopiert oder fotografiert werden, weil sich niemand mehrere Kilo Buch mit auf Tour nimmt.

Teil 3
In diesem Teil werden zahlreiche Dokumente zum beschrieben Kontext wiedergegeben, in der Regel als Kopien der Originale. Aber auch allgemeine Informationen zur französisch-spanischen Grenze, zu Kuriositäten, Online-Dokumentationen, Kartographie und Software und weiteres sind enthalten.

Es ist schon erstaunlich mit welcher Akribie und welch großem Aufwand Wolfgang Schaub wieder eine Dokumentation zusammengestellt hat, die in Art und Umfang für das betrachtete Gebiet wohl einmalig ist. Wolfgang Schaub hat die 14 Bände mit über 8.500 Seiten der SBB-Bibliothek kostenlos zur Verfügung gestellt! Auch von dieser Stelle ganz herzlichen Dank!

Neben der rezensierten Publikation liegen uns nunmehr bereits zwei umfangreiche Dokumentationen von Wolfgang Schaub vor: die Reihe „Gipfel und Grenzen – Grenzenlose Gipfel“ bestehend aus 28 großformatigen, schweren Bänden, siehe SBB-Mitteilungsheft 1/2015 und der Buchtipp vom 12.04.2016.

Die Reihe Pyrenäen ist auszuleihen unter E0088A bis E0088N.

Falk Große