Das Hinterland

Seit geraumer Zeit gibt es die Landkarte „Balzhütte / Na Tokáni“ im Maßstab 1:10.000 von Rolf Böhm. Diese Karte ist für Wanderer ein wahrer Schatz, ist doch dort wieder eine Detailfülle dargestellt, wie wir sie nur von den Böhm-Karten kennen und zu schätzen wissen. Sicher hatte Rolf Böhm für seine Feldarbeit die Erlaubnis des Nationalparks Böhmische Schweiz schriftlich immer am Mann. Auch bildet die Karte den Anschluss zur Karte des nördlich gelegenen Kaatals. Für die rechtselbische böhmische Schweiz fehlt jetzt nur noch der westliche Anschluss an das Prebischtorgebiet; doch vielleicht arbeitet der Meister ja schon daran.

Beim Studium der Karte fiel mir ein Begriff auf, den ich so bislang noch nie gehört hatte: Hinteres Land, der Bereich grob gesagt zwischen Balzhütte und Kirnitzsch bzw. Khaatal. (Bei genauerer Betrachtung der Karte vom Khaatal hätte mir das Hintere Land oder Zadní Země auch auffallen müssen.) Die Hintere Sächsische Schweiz, klar, die kennt man, aber Hinteres Land? Auf meiner Suche im Internet habe ich das Buch von Miloslav Nevrlý zum Hinterland gefunden. Jenes Buch hat die SBB-Bibliothek nun erworben und es wird in diesem Buchtipp allen interessierten Wander- und Heimatfreunden vorgestellt.

Es ist eine poesievolle Liebeserklärung von Miloslav Nevrlý an das Hinterland und er bringt es uns in wunderschönen Metaphern und seinem eindrucksvollem Stil der Beschreibung von Erlebnissen und Empfindungen in der Natur, mit der Natur, in der Einsamkeit, selten in Gemeinschaft Gleichgesinnter nahe. Er beschreibt die Zeiten seiner „Entdeckung“ und seiner Aufenthalte im Hinterland. Auf den Weg zur Balzhütte wandern wir auch durch das Hinterland, doch wir erleben es nie so intensiv, wie es uns Miloslav Nevrlý vermittelt. Nevrlý ist Jahrgang 1933 und es ist seiner Vita anzunehmen, dass er wahrscheinlich ab den 1970er Jahren sehr oft und häufig längere Zeit Gast des Hinterlands war. Seiner Beziehung zur Natur gefolgt studierte er in Prag Zoologie und ging promoviert nach Reichenberg (Liberec) als Leiter der wissenschaftlichen Abteilung an das Nordböhmische Museum. In allen Veröffentlichungen, wie z. B. sein „Buch über das Isergebirge“ oder „Karpatenspiele“ (beide nur tschechisch) schafft er eine einzigartige Mischung aus poetischen Beschreibungen und einer unverwechselbaren Lebensphilosophie. Sie schwingen mit unseren innersten Gefühlen, die wir erleben, doch nicht vermögen auszudrücken und es lockt in Berge und Wälder, uns selbst zu verstehen.

Viele von uns, wohl meist ältere Semester, können ansatzweise von ähnlichen Erfahrungen aus ihrer Kletterzeit berichten, als es noch möglich war, beim Blick in das Feuer unterm Überhang am Boofenabend weit weg vom Alltag zu träumen. So können wir mit diesem Buch auch jenen Erlebnissen nachträumen.

Vorgestern war das Hinterland ein anderes Land

… beschreibt Nevrlý in seinen Erinnerungen

Gesten war das Hinterland ein anderes Land

„Bereits das dreizehnte Jahr wehen jedoch durch das Hinterland andere Winde als zu Zeiten meiner einsamen Nächte unter Felsvorsprüngen. … Der neue Wind entführte die rostendenden Stacheldrähte, aus den Schluchten verschwanden die Schilder, die vor der Grenze zu einem anderen Land warnten. Mit den Schildern trollten sich auch die ungehaltenen und aufgeblasenen Bewacher dieser künstlichen Grenze. Fahrwege aus Asphalt nahmen zu. Auf den Straßen, die durch die Randgebiete des Hinterlandes führen, drängen sich jedes Jahr mehr Autos, immer gigantischer, immer pompöser. Leute in glänzenden Papageienkleidern sausen auf Mountainbikes über Waldwege und bisweilen auch quer durchs Terrain des Hinterlandes. So schnell, dass es scheint, als hätten sie nicht einmal Zeit, den Geist dieses bewundernswerten Landes wahrzunehmen. Doch haben auch wieder Lachse elbaufwärts zurückgefunden, sind Biber ans Flussufer heimgekehrt und erneut Falken, diese wunderschönen Vögel, in die Felsen geflogen gekommen … Edelmütige können bereits ohne Angst damit beginnen, umgestürzte Denkmale aufzurichten, zerfallene Kapellen wiederzubeleben … Gedenksteine … instand zu setzen. In das Hinterland kehrte allmählich wieder Leben zurück, mal in besserer, mal in schlechterer Form, Leben, das nach dem verhängnisvollen letzten großen Krieg von hier verschwunden war, Leben, das sich mit seinen Bewohnern verflüchtigt hatte. …“ lesen wir im Epilog.

Heute ist das Hinterland ein anderes Land.

Der Wald ist tot und schweiget und aus den Zweigen fallen unzählge Nadeln bodennah. Derzeit frisst sich der Borkenkäfer satt und wenn er alles aufgefressen hat, gibt’s den Käfer nicht mehr. Und auch den Wald nicht. Aber in zweihundert Jahren ist der Wald wieder stark und grün, doch anders. Anders als wir ihn erleben, wahrscheinlich so, wie ihn unserer Ururururahnen wohl kannten.

Morgen ist das Hinterland ein anderes Land.

Falk Große

Das Hinterland
Miloslav Nevrlý
In der SBB-Bibliothek zu finden unter E0516